Verdener Nachrichten vom 17. Oktober 2018

(Danke für die freundliche Genehmigung !)

 

 

 

 

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Einführung von Rolf Zepp in die Ausstellung "Französische Landschaften"

 

 

"Meine Damen und Herren,

 

keine Frage, das größte Risiko die erwartungsfrohe Stimmung bei einer Vernissage zu verderben, trägt der Laudator. Ihn auszuhalten, ja, das erfordert meist so einiges an Geduld und manchmal sogar Selbstbeherrschung. Besonders dann, wenn er Kunstexperte ist, dabei weniger über die Bilder an der Wand, stattdessen über die Unendlichkeiten des Welten-Theaters spricht.

 

Nun - das mag Sie beunruhigen - ich bin kein Kunstexperte. Ich werde Ihnen also Deutungen ersparen, in denen der Künstler womöglich nichts von dem erkennt, was ihn einst bewogen hat, das Bild zu malen. Hinzu kommt, dass ich mich zu denen zähle, die eine Einladung zu einer Ausstellungs-Eröffnung als ein eher zwiespältiges Vergnügen betrachten: Einerseits natürlich geschmeichelt, bedacht worden zu sein - andererseits durchaus verunsichert, wie man sich unter all den Vernissage-Profis verhalten soll. Also spreche ich einfach als guter Freund zu Ihnen, zumindest als guter Freund von Klaus, was mir gleichzeitig die Freiheit gibt, nicht „von dem heute anwesenden Künstler“ sprechen zu müssen.

 

Apropos Freiheit. Für Dich, lieber Klaus, ein Kernbegriff für all Dein Denken und Tun. Ein Schlüsselwort für Deine Malerei allemal. Mal salopp ausgedrückt: geht es Dir doch darum, selbst zu bestimmen, „wo es lang geht“. Was in Bezug auf die Malerei damit gemeint ist, hast Du kürzlich im Interview mit dem WESER-KURIER dargestellt: Frei zu sein in seinen gemalten Motiven!  

 

Es geht Dir eben nicht darum, Dich an die äußere Wirklichkeit Deiner Motive zu binden, sondern Dich anregen zu lassen, von dem, was Du siehst, riechst und spürst -  mit allen Sinnen durch die Welt, die, Deiner Liebe und Vorliebe geschuldet, … Frankreich heißt. Dort die Motive aufsaugen, um Dich später, beim Malen im Atelier, an das zu erinnern, was Du gesehen, gespürt, erlebt hast. Es ist dieser spannende Übergang von der „Naturform“ zur „Bildform“ – für Dich ein ständiges „Ausbalancieren“. Du nennst es „ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang“.

 

Da darf die Herstellung und Bearbeitung eines „Bildobjektes“ gerne mal über Monate, ja sogar über Jahre gehen, wenn ein Bild zur Seite gestellt und irgendwann von Dir wiederentdeckt wird: Wie etwa das 1988 begonnene Landschaftsbild „La Loire – Les barques près de Gennes“, das  erst zwölf Jahre später vollendet wurde.   

 

Wie nahe ein Bild beim sichtbar Gegenständlichen bleibt bzw. sich davon entfernt, hängt ganz davon ab, wie sich der malerische Abstraktionsprozess in Deinem Atelier entwickelt.

 

Das Vermischen von Sand (der Loire), Erde, Kreide mit Öl- und Acrylfarbe, das Einfügen von „kunstfremden“ Materialien, wie z.B. Textilien, unterschiedliche Malgründe, Leinwand, Spanplatte, Holz eines Klavierdeckels, absichtliche Brüche in der Perspektive oder auch die Betonung der Fläche, all das bestimmt die „Balance“ zwischen „Naturform“ und „Bildform“. Ein Gleichgewicht, das sich im Rückblick auf die vergangenen Dekaden auch verschieben durfte.

 

So sind auf den „Bildformen“ aus den neunziger Jahren Erinnerungen an eine wild strömende Loire aufgehoben, fließend in Form und Farbe. Später dann, zu Beginn des neuen Jahrtausends, Erinnerungen an die Felder und Dörfer der Provence, durchaus streng, geometrisch-abstrahierend und reinfarbig dargestellt. Und gegenwärtig, angeregt durch die mediterranen Küstenlandschaften der Côte d‘Azur, die Betonung der Fläche, die Bevorzugung der Acrylfarbe mit der Vorliebe für die unterschiedlichen Nuancen eines Mittelmeer-Blaus. Herrliche Bildflächen, Meeresoberflächen, in die man Lust verspürt, einzutauchen!

 

Es gibt für Dich aber auch eine ganz andere Seite der Freiheit. Eine Freiheit, die Du uns, Deinem Publikum einräumst. Du erlaubst es Deinem Publikum - nein, Du wünscht es Dir geradezu - dass uns beim Betrachten Deiner Bilder eigene Erinnerungen kommen. Ganz persönliche Vorstellungsbilder entstehen, völlig frei von Deinen Seh-Erlebnissen. Du sprichst von der Freude des Betrachters „am eigenständigen Sehen“. So ist es für Dich geradezu wünschenswert, wenn beim Betrachten Deiner Bilder auf beiden Seiten Freude entsteht. Eine Freude, die beide, Maler und Publikum, am Ende auf eine ganz besondere Weise verbindet.

 

Wie eine solche Bindung wirkt, das habe ich selbst erlebt. Seitdem darf ich täglich, beim Betrachten eines ganz bestimmten Bildes bei mir zu Hause, auf eine besonders „freudige Verbindung“ zwischen Klaus und mir zurückblicken. Gestatten Sie mir dazu den kleinen Exkurs:

 

Dafür gehen wir zurück in den späten Herbst 2001 und nach Hamburg. Ausgangspunkt war ein restlos ausverkauftes Konzert der kanadischen Jazzpianistin Diana Krall im traditionsreichen Konzerthaus, Ihnen sicher besser bekannt als die Laeiszhalle. Unmittelbar vor Beginn entschieden Klaus und ich uns für das verwegene Abenteuer „Schwarzmarkt“. Und, siehe da, es gelang tatsächlich Karten im Foyer  zu ergattern. Ohne Aufpreis!  Dass es sich dabei allerdings um sogenannte „Hörplätze“ handelte, begriffen wir beide erst, als wir, im absolut toten Winkel des Konzertsaals, chancenlos waren, auch nur einen einzigen Blick auf die durchaus attraktive Sängerin zu werfen. Aus der Erinnerung an diesen Abend hat Klaus eben diese Interpretin in einer Bildform festgehalten, die er „Visueller Rhythmus – Kompensation für einen Hörplatzgeschädigten“ nannte. Der überaus gelungene und reizvolle Übergang von der ‚Naturform‘ zur ‚Bildform‘ hat mir gezeigt, wie kraftvoll doch seine persönlichen Vorstellungsbilder sein können, und eben nicht seine Erinnerung, bedenkt man, dass er die Dame an diesem Abend ja nie zu Gesicht bekommen hat. Da war er: der spannende Übergang, das „Abenteuer mit ungewissem Ausgang.“  Die Freude an diesem Bild verbindet uns bis heute!

 

Ach so, wenn ich Sie jetzt neugierig auf die Sängerin gemacht habe: das Bild hängt, exklusiv für diese Vernissage, als Leihgabe, unten, im Eingangsbereich der Ausstellung.

 

Freiheit, Freude, Verbundenheit, Deine dahinterstehenden fantastischen Botschaften wecken in uns die Vorfreude auf das, was wir anschließend beim Gang durch die Ausstellung  in den Landschaften an der Loire, der Provence und an den mediterranen Küsten in Südfrankreich ganz persönlich erkennen, entdecken …  erinnern und in unserer Freude darüber mit Dir, lieber Klaus, teilen dürfen.

 

Danke, für diese wunderbare Ausstellung!"

 

 

Christel Niemann

in der VERDENER ALLER-ZEITUNG vom 22. Oktober 2019 zur Eröffnung der Ausstellung "Französische Landschaften"

(Danke für die freundliche Genehmigung !)

 

 

 

 

 

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